WOMB Teamrider Sönke Wegner berichtet uns von seinem Abenteuer des Grand Raid, was zu einem der härtesten Marathon Races der Schweiz gehört.
„Can you blow my whistle baby, whistle baby…“ tönt es um vier Uhr morgens in meinem viel zu hellhörigen Hotelzimmer in Sion. Der Fernseher nimmt mir die Aufregung und ich kaue mein am Tag zuvor eingeweichtes Müsli mit Sojamilch. Es schmeckt mir nicht. Ich ändere den Speiseplan und bevorzuge eine gekochte Kartoffel mit Banane. Es sind noch zwei Stunden bis zu meinem Start in Nendaz.
Ich startete dieses Jahr zum zweiten Mal beim Grand Raid. Die Veranstaltung hat internationalen Kultcharakter und ist das Aushängeschild der Schweizer Marathonszene. Nach meinem Start 2011, den ich auf der Langstrecke mit 125 Kilometer und satten 5025 Höhenmeter in Verbier hatte, fiel mir die Entscheidung für die verkürzte Version (93km und 4944hm) leicht.
Der Startschuss viel pünktlich um 6.30 Uhr. Bei milden Temperaturen am Start und mit einer Prognose von bis zu 32°C ließ ich mein Unterhemd direkt weg und freute mich auf eine Hitzeschlacht, die mich nicht enttäuschen sollte. Abgesehen von dem ersten Anstieg, den die Langstrecke von Verbier nach La Tzoumaz macht, ist meine Strecke identisch und auch jede kürzere führt über die originale Routenführung. Man kann sich also nicht vor dem berüchtigten Passo de Lona drücken. Diese 25-minütige Schiebepassage auf 2787 Meter, ähnelt nochmals einem 1000 Höhenmeter Anstieg.
Real slow
Bis zur ersten Verpflegungszone in Veysonnaz kämpfte ich um mein Überleben in der Spitzengruppe und ordnete mir schlussendlich eine dosierte Fahrweise an. Und jetzt war dieses Lied wieder da: Flo Rida und Whistle. Dämlicher Songtext mit nicht motivierendem Inhalt: „…and we start real slow…“! Ätzend dieser Ohrwurm. Sicherlich kennt jeder diese Situation, man ist physisch am Limit und plötzlich kommt ein Lied in den Kopf, das unpassender nicht sein kann. In den folgenden vier Stunden prägte dieser Song meine sportliche Tätigkeit.
Zeitgleich mit mir startete die Langdistanz mit den Deutschen Karl Platt und Tim Böhme. Platt konnte das Rennen bereits 2010 für sich entscheiden und gehörte auch dieses Jahr zu den Favoriten. Jedoch war die Schweizer Elite auf den Punkt fit. Böhme beendete als bester Deutscher mit Platz fünf das Rennen. Jedoch mit 24 Minuten Rückstand auf den Sieger Alexandre Moos hatte er nichts mit dem Ausgang zu tun. Platt finishte auf dem siebten Platz und drei Minuten hinter Teamkollege Böhme.
Das alles bekam ich nicht mit. Ich genoss die vielen Trails und versuchte auf den langen Anstiegen meinen Rhythmus zu finden. Jedes Mal, wenn die Verpflegungszone sich ankündigte, trank ich mein vorhandenes Wasser aus und nahm direkt zwei Flaschen wieder mit. Das ist bei Langdistanzen mit starker Hitze ein absolutes Muss. Auf den Passo de Lona habe ich mich dieses Mal wirklich gefreut.
Es stehen immer sehr viele Zuschauer da und das Schieben bringt Abwechslung. Wenn ich auf größere Gruppen der Kurzstrecke getroffen bin, dann habe ich das Bike geschultert um effektiv zu überholen. Ansonsten bietet sich das Schieben auf dem losen Geröll an. Für alle zukünftigen Teilnehmer sei hier gesagt, nach der Schiebepassage ist der Berg zu Ende. Die letzten Höhenmeter folgen jedoch nach einer kurzen Abfahrt. Wer jetzt keine Krämpfe hat, der hat alles richtig gemacht. Ansonsten wird man jeden folgenden Höhenmeter verfluchen. Ohne Krämpfe freute ich mich auf die folgende Abfahrt, die an Anspruch exponentiell zunimmt und in mehrfacher Bachüberquerung seinen Höhepunkt findet. Ziemlich unerwartet folgt das Ziel. Es ist vorbei! Während dem Rennen malte ich mir diesen Augenblick aus: Bike hochheben, heulen, jubeln usw. Nichts der Gleichen tat ich. Ich war erschöpft und leer. Ja sogar emotionslos… Dieser Zustand besserte sich zusehends und ich fing an die Atmosphäre zu genießen und der Stolz in mir wurde riesig. Um diesen Artikel abzurunden könnte ich jetzt erzählen, dass ich auf dem Heimweg Radio hörte und… Ach lassen wir das!
www.grand-raid.ch
Text: Sönke Wegner
Bilder: Perraud Cervin